Selten habe ich den Wechsel der Jahreszeiten so abrupt erlebt wie in den vergangenen Wochen. Das lange Himmelfahrtswochende habe ich an der Ostsee verbracht und war bei 4°C nachts ziemlich froh, in einem Haus zu schlafen und nicht im Zelt. Nur eine Woche später, an Pfingsten, dann perfektes Camping- und Badewetter. Auf dem Foto seht ihr, dass sich warmes Wetter und angenehmes Arbeiten nicht grundsätzlich ausschließen.

Dass ich meinen Arbeitsort frei wählen kann, habe ich meiner Entscheidung für die Selbstständigkeit vor ziemlich genau einem Jahr zu verdanken – und ich finde immer noch, dass das eine sehr gute Entscheidung war.
Mein Terminkalender ist zurzeit besonders voll – aus gutem Grund: Immer mehr Krankenhäuser, soziale Einrichtungen und Unternehmen wollen sich gezielt auf die Hitze vorbereiten und holen sich dafür Unterstützung.
Wie dringend diese Vorbereitung ist, hat sich in den vergangenen Tagen vor allem Großbritannien gezeigt. In Kew Gardens in London wurden am 26. Mai 35,1°C gemessen – der höchste Maiwert seit Beginn der Aufzeichnungen. Ich habe zahlreiche Berichte gesehen: Der Zugverkehr ist zusammengebrochen und in vielen Supermärkten fielen ausgerechnet die Kühlschränke aus. Die meisten Gebäude sind für solche Temperaturen schlicht nicht gemacht. Das britische Climate Change Committee hat es treffend formuliert: Großbritannien ist für ein Klima gebaut, das es so nicht mehr gibt.
Das Gleiche gilt für Deutschland. Und während wir uns ernsthaft damit beschäftigen müssen, was das für uns bedeutet, dürfen wir gleichzeitig nicht vergessen, dass wir auch in der Klimakrise das Leben genießen und eine gute Zeit mit unseren Lieben eingecremt und mit Hut am Strand haben dürfen.
Viel Freude beim Lesen wünscht
Deine Andrea
Temperatur & Taktik – der Podcast
Hitze in der Wohnung: Was bringen Kühlfarben, Spezialrollos und Dachbeschichtungen wirklich?
Immer mehr Wohnungen und Büros heizen sich im Sommer unerträglich auf – selbst gut gedämmte Gebäude werden dann schnell zur Falle. In der neuesten Folge meines Podcasts spreche ich mit Freia Torge darüber, wo Hitze eigentlich herkommt und was wir gegen sie tun können, bevor wir zur Klimaanlage greifen. Freia ist Expertin für innovativen Hitze- und Kälteschutz und würde nie eine Klimaanlage einbauen. Gemeinsam klären wir, ob die Wärme bei euch über Fenster, Dach oder Fassade kommt und was wirklich hinter Kühlbeschichtungen, Spezialrollos und Klimafarben steckt. Besonders wichtig finde ich: Viele dieser Maßnahmen funktionieren auch für Mieter*innen, die weder Bäume pflanzen noch die Fassade begrünen können.
Wenn Falschmeldungen die Demokratie gefährden / Desinformation in Krisen erkennen und stoppen
600 Kinderleichen im Ahrtal – diese Meldung verbreitete sich damals bis nach Korea. Sie war frei erfunden. Desinformation in Krisen ist längst ein ernstzunehmendes Sicherheitsproblem. Mein Gast in dieser Folge ist Volker Tondorf, Mitgründer des Virtual Operations Support Teams (VOST) im Technischen Hilfswerk. Sein Team beobachtet während Katastrophen in Echtzeit die sozialen Medien und liefert den Krisenstäben ein digitales Lagebild. Mit Volker spreche ich über den Unterschied zwischen Fehl- und Desinformation und über konkrete Fälle wie die Flutkatastrophe an der Steinbachtalsperre oder Flutvideos aus Mexiko – und darüber, warum Künstliche Intelligenz die Lage zusätzlich verschärft.
Hoffnung für Deutschland?
Wenn es im Sommer um Hitze im Krankenhaus geht, denken die meisten zuerst an die Patient*innen. Doch auch das Pflegepersonal leidet erheblich unter hohen Temperaturen. Gemeinsam mit Maria Zink von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Ulrike Krol vom Unfallkrankenhaus in Berlin und Niels Jansen vom Ellery Studio habe ich untersucht, wie sich die Belastung des Pflegepersonals verringern lässt.. Ein Workshop dazu fand noch zu meiner Zeit als Klimamanagerin statt. Herausgekommen sind sehr konkrete Ansätze: ein Hitzeschutzplan, verpflichtende Schulungen und eine App für schnelle Kommunikation im Ernstfall. Der Artikel dazu ist jetzt im Journal of Climate Change and Health erschienen.
Viele Betriebe wollen sich auf Hitze vorbereiten, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Genau hier setzt das Projekt ARBEIT: SICHER + GESUND im Klimawandel an, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) beauftragt wurde. Entstanden ist eine branchenübergreifende Handlungshilfe, die in sechs Schritten zu einem eigenen Hitzeschutzplan führt – ergänzt durch Checklisten und Vorlagen, die sich individuell anpassen lassen. Zusätzlich gibt es fertige Beispielpläne, etwa für Großunternehmen, kommunale Verwaltungen und ambulante Pflegedienste. Vorgestellt wurden die Materialien bei der Veranstaltung „Zukunftsfähig arbeiten: Arbeits- und Gesundheitsschutz im Klimawandel“ der BG ETEM (Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro und Medienerzeugnisse) und dem BMAS, bei der ich die Keynote gehalten habe. Das Beste: Das gesamte Material ist kostenlos und sofort einsetzbar.
Hoffnung für die Welt?
Eine gute Nachricht aus der Klimaforschung hat in den vergangenen Wochen für einige Aufmerksamkeit gesorgt: Das Forschungsgremium, das die Emissionsszenarien für die kommenden Berichte des Weltklimarats (IPCC) vorbereitet, hat das extremste Szenario – auch bekannt als RCP8.5 beziehungsweise SSP5-8.5 – als unrealistisch eingestuft und gestrichen. Dieses Szenario ging von einem jahrzehntelangen ungebremsten Kohleverbrauch aus und gilt heute vor allem wegen gesunkener Kosten für erneuerbare Energien und realer klimapolitischer Fortschritte als unplausibel. Das ist ein echter Grund für Zuversicht, weil es klar zeigt, dass sich mit gut gemachter Energie- und Klimapolitik etwas bewegen lässt. Rund um diese Meldung wird allerdings gezielt Desinformation betrieben, die suggeriert, die Erderhitzung sei harmlos. Das ist schlicht falsch. Gestrichen wurde lediglich das schlimmste Szenario. Die weiterhin gültigen Pfade führen uns in eine deutlich heißere Welt und bleiben dramatisch genug. Der Ausstieg aus den Fossilen hilft und muss jetzt konsequent vorangetrieben werden. So einfach ist das.
Digitale Tools für die Zukunft
Grünflächen gehören zu den wirksamsten Mitteln gegen Hitze in der Stadt. Ihre Planung und Pflege ist für Kommunen gesetzlich verpflichtend, gleichzeitig zeitaufwändig und oft nicht ausreichend ausgestattet. Genau hier setzt BinaryRoots an, die KI-gestützte Werkzeuge für die kommunale Grünflächenplanung entwickeln. Mit dem Programm Urban AiVi lässt sich aus einer Projektbeschreibung in wenigen Minuten ein rechtssicheres Leistungsverzeichnis erstellen – ganz ohne Spezialwissen. Ein zweites Werkzeug erkennt und dokumentiert Pflanzenbestände direkt vor Ort. Wer in oder mit einer Verwaltung arbeitet, kann damit enorm viel Aufwand sparen. Gegründet hat BinaryRoots Jennifer Marguet. In ihrem Team ist außerdem Dr. med. Maren Kapella, die ich noch aus meiner Zeit als Klimamanagerin kenne. Ich freue mich sehr, wie sich unsere Pfade hier wieder kreuzen, und finde es spannend zu sehen,wie sie ökologisches, planerisches und medizinisches Wissen zusammenbringt.
Wer soll das bezahlen?
Hitzeschutz wird oft als Kostenfaktor gesehen. Tatsächlich ist längst das Gegenteil der Fall – das zeigt eine aktuelle Prognos-Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales eindrücklich. Ein einziger Hitzetag mit über 30 Grad kostet die deutsche Wirtschaft etwa 431 Millionen Euro. Der größte Teil davon entsteht durch sinkende Produktivität: Die meisten Menschen arbeiten bei zwar Hitze weiter, nur deutlich weniger effizient. Hinzu kommen pro Hitzetag schätzungsweise 76.500 Fehltage durch hitzebedingte Erkrankungen und Unfälle. Besonders betroffen sind körperlich belastende Tätigkeiten und Arbeit im Freien, etwa in der Land- und Forstwirtschaft, im Bau und im verarbeitenden Gewerbe. Die Studie macht eines unmissverständlich klar: Jeder Euro, der in guten Arbeitsschutz fließt, ist eine Investition, die sich auszahlt.
Klimaanpassung aus der Hölle
Bei den French Open mussten in den vergangenen Wochen bei Temperaturen um die 33 Grad an einem einzigen Tag vier Spieler*innen ihre Matches vorzeitig aufgeben. Casper Ruud beschrieb sich selbst als „Zombie“, der Tscheche Jakub Mensik brach am Ende eines Fünfsatzmatches zusammen, und selbst Favorit Jannik Sinner geriet an einem schwülheißen Tag ins Straucheln und schied überraschend aus.

Doch nicht nur Spitzensportlerinnen waren betroffen. Während derselben Hitzewoche starben in Frankreich Menschen bei Sportveranstaltungen: ein Mann bei einem Lauf in Paris und eine Frau bei einer Hyrox-Veranstaltung in Lyon. Für mich wird daran sehr deutlich: Sport muss endlich fester Bestandteil von Hitzeschutzplänen werden, vom großen Turnier bis zum Breitensport. Am Ende geht es im Sport immer um Menschen und ihr Schutz sollte für Veranstalter und Verbände an erster Stelle stehen.
