Die Hitze der vergangenen Wochen ist für Europa beispiellos. Vieles, womit ich mich seit Jahren beschäftige, ist nun das erste Mal Realität geworden. Dieser Newsletter fällt deshalb anders aus als gewohnt, denn ich möchte meine Gedanken zu dieser europäischen Hitzekrise mit euch teilen.
Ich lebe mit meiner Familie in Berlin, wo wir verglichen mit Süd- und Westdeutschland, Frankreich oder Großbritannien noch vergleichsweise glimpflich durch die Hitze gekommen sind. Aus den noch stärker betroffenen Gebieten wurde mir schon vor einer Woche von Kolleg*innen berichtet, dass sie von der Hitze komplett zermürbt sind. Die anstehende Abkühlung wird hoffentlich überall für große Erleichterung sorgen.

Auch ich bin erleichtert – und gleichzeitig besorgt. Hitzewellen dieser Art habe ich erwartet – allerdings nicht so schnell. Genau das beunruhigt mich. Fest steht: Ohne die Klimakrise hätte es diese Hitzewelle nicht gegeben. Zusätzliche Faktoren wie El Niño können solche Ereignisse zwar verstärken – spielten laut Forschung hier aber keine Rolle.
Meine Sorge bezieht sich dabei nicht nur auf Europa, sondern auf die vielen Regionen der Welt, in denen Hitze noch extremer ist, und die Auswirkungen entsprechend dramatisch. So hat Indien ebenfalls in diesem Juni Temperaturen bis zu 48°C erlebt. Die Todeszahlen werden nicht so genau erfasst wie in Europa, aber Forscher*innen schätzen, dass je Hitzetag in Indien bis zu 3.400 Menschen an den Folgen der extremen Temperaturen sterben.
Während Menschen und Medien die Hitzewelle ausgiebig thematisieren, erleben wir politisch ein dröhnendes Schweigen. Ich frage mich: Wie dramatisch muss eine Hitzekrise eigentlich noch werden, damit auch Friedrich Merz erkennt, wie ernst die Lage ist?
Etwas hat sich in den letzten Tagen verändert. Von Alkoholverboten in Paris über reihenweise abgesagte Sportveranstaltungen bis hin zu wegen Hitze erstatteten Bahntickets: Zuvor Undenkbares ist plötzlich möglich. Noch vor einer Woche habe ich in einem Interview gesagt, dass die Absage von Veranstaltungen aus unterschiedlichen Gründen extrem schwierig ist. Heute frage ich mich, ob all die aktuellen Maßnahmen ohne die mediale Aufmerksamkeit und die intensive Aufklärung der vergangenen Jahre überhaupt passiert wäre. Vermutlich nicht.
Was wir in diesen Hitzetagen erlebt haben, ist deshalb auch eine wichtige Erkenntnis: Aufklärung und Vorsorge wirken. Das finde ich sehr ermutigend. Ich hoffe, dass diese Erfahrungen zu dauerhafter Aufmerksamkeit und echten Veränderungen führen. Die Chance dafür ist da.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass selbst fortschrittliche Hitzeschutzkonzepte künftig nicht ausreichen werden. Frankreich, und besonders Paris, gelten als Vorreiter in der Hitzeaktionsplanung und im klimaresilienten Stadtumbau. Und dennoch ist das Land nun an die Grenzen seiner Belastbarkeit gestoßen und hat schon jetzt viele Hitzetote zu beklagen. Das heißt aber nicht, dass Frankreich versagt hat – im Gegenteil: Es zeigt, dass selbst die beste Vorbereitung uns in der Klimakrise nicht vollständig schützen kann.
Dabei ist der Unterschied zwischen beherrschbarer Hitze und Hitzekrise weder in der Bevölkerung noch bei Medien und Politik angekommen. Die meisten Hitzeaktionspläne sind nicht auf anhaltende Extremhitze ausgelegt. Gleichzeitig gilt: Viele der darin enthaltenen Maßnahmen helfen natürlich auch bei solchen extremen Bedingungen.

In den letzten Tagen ist mir vor allem aufgefallen, wie viel darüber berichtet wurde, was uns fehlt. Deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommt hingegen all das, was längst passiert ist und bereits geholfen hat: etwa öffentliche Trinkbrunnen, Kommunen, die den klimaresilienten Stadtumbau vorantreiben oder die kostenlose Öffnung klimatisierter Museen und Einrichtungen. Auch Krankenhäuser, die bereits gute Hitzeschutzkonzepte entwickelt haben, bleiben oft unerwähnt. Mir scheint, gerade der ermutigende Teil der Geschichte wird kaum erzählt.
Dieses Ausblenden verstärkt nicht nur das ungute Gefühl, dass unser System nicht funktioniert. Es führt auch dazu, dass viele Menschen nach einfachen Lösungen suchen – aktuell vor allem nach flächendeckender Klimatisierung. Tatsächlich werden wir künftig nicht mehr ohne gezielte Kühlung auskommen. Entscheidend ist jedoch, dass sie die Klimakrise nicht weiter verschärft und sinnvoll mit anderen Maßnahmen zusammengedacht wird.
So müssen auch die vielfältigen baulichen Möglichkeiten stärker genutzt werden. Es gilt: Die Mischung macht’s – von naturbasierten Lösungen über technische Kühlung bis hin zu einfachen Maßnahmen wie außenliegender Verschattung.
Mein Fazit: Wir müssen deutlich mehr tun, um auf kommende Hitzewellen möglichst gut vorbereitet zu sein. Das ist allerdings keine rein staatliche Aufgabe. Auch jede*r Einzelne ist gefragt. Wir alle müssen uns besser vorbereiten. Nur so können wir unsere Resilienz als Gesellschaft stärken und uns besser auf die steigenden Belastungen durch Hitze einstellen.
Dazu gehört, die eigenen Möglichkeiten konsequent zu nutzen – etwa Kühlwesten zu tragen und unsere Tagesabläufe anzupassen. Gleichzeitig müssen wir wieder lernen, uns innerhalb unseres sozialen Umfeldes besser gegenseitig zu unterstützen. Das schützt uns nicht nur vor Hitze, sondern ist auch ein wichtiger Beitrag gegen Einsamkeit und zur Stärkung des Zusammenlebens.

Es ist Zeit für echte Lösungen. Wir können aus dieser Hitzekrise lernen. Kommunen, Länder, Bund und Europäische Union müssen Hitzeschutz zur Priorität machen und wir alle müssen uns besser vorbereiten.
Lasst uns dafür miteinander und voneinander lernen.
Wie habt ihr die vergangenen heißen Tage erlebt? Was hat funktioniert, was nicht? Und von welchen Maßnahmen wart ihr vielleicht überrascht? Ich freue mich sehr über eure Erfahrungen aus der Hitzewelle.
Ich wünsche euch in den kommenden Tagen etwas Zeit zum Durchatmen.
Eure Andrea
