Dr. Andrea Nakoinz

klimaresilient + gesund

Dr. Andrea Nakoinz

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08/2026 Newsletter Temperatur & Taktik

Dieser Sommer beschäftigt mich sehr. Ob extreme Hitze, Dürren oder abgeschaltete Kraftwerke – die Folgen der Klimakrise sind nun auch in Europa unübersehbar. Es fällt mir schwer, die vielen aktuellen Ereignisse einzuordnen. Ich habe dazu bereits einige Gedanken mit euch geteilt und denke weiterhin viel darüber nach, was all das für diejenigen bedeutet, die sich wie ich seit Jahren mit Klimaanpassung beschäftigen. In unserem Arbeitsfeld passiert gerade unglaublich viel, da ständig neue Erkenntnisse, Projekte und Herausforderungen hinzukommen. Es fällt schwer den Überblick zu behalten. Einige dieser Entwicklungen möchte ich heute mit euch teilen.

Vielleicht seid ihr gerade in der Sommerpause, steht kurz davor oder seid bereits zurück. Auch ich habe mir in den letzten Wochen eine Auszeit mit meiner Familie genommen. Unser ursprünglich geplanter längerer Aufenthalt in Ungarn fiel allerdings kürzer aus als gedacht. Die Auswirkungen von Hitze- und Energiekrise waren unterwegs so präsent – zumal wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren – dass sie sich nur schwer mit Erholung vereinbaren ließen.

Umso wichtiger war es für mich, danach noch einmal bewusst abzuschalten: ohne Internet, dafür mit meiner Familie und mit möglichst viel Zeit in der Natur. Denn so wichtig unser Thema auch ist: Für die Herausforderungen der kommenden Monate brauchen wir Kraft und Energie. In diesem Sinne hoffe ich, dass ihr in diesem Sommer Zeit zum Durchatmen findet oder bereits hattet.

Viel Freude beim Lesen wünscht

Deine Andrea

Der Wasserstand des Balatons sank in diesem Sommer täglich um 1cm. Die niedrigen Wasserstände in der Donau sorgten dafür, dass das Atomkraftwerk Paks nahezu vollständig abgeschalten werden musste, was Ungarn in eine nie dagewesene Energiekrise führte. (Bild:privat)

Temperatur & Taktik, der Podcast

Solidarität in Krisen: CADUS e.V. über Hilfe in Kriegsgebieten und Resilienz zuhause.

In der neuesten Podcast-Folge spreche ich mit Anna-Lea Göhl von CADUS e.V. über Hitze als Krisenszenario und die Frage, was wir aus der humanitären Arbeit für den Hitzeschutz lernen können. Dabei geht es um medizinische Evakuierungen an der Front in der Ukraine, selbstgebaute mobile Krankenhäuser und die Erfahrungen aus Einsätzen in Krisen- und Kriegsgebieten. Für mich zeigt dieses Gespräch eindrücklich, wie eng Krisenvorsorge und Solidarität zusammenhängen – und wie viel davon auch für den Umgang mit der Klimakrise relevant ist.

Blick aus einer HEAT-Übung von CADUS e.V. – hier wird technisches und medizinisches Fachpersonal für Einsätze in Kriegsgebieten trainiert. Ich habe als Komparsin teilgenommen und mich aus diesem Keller evakuieren lassen. (Bild:privat)

Hoffnung für Deutschland

Wer in den vergangenen Jahren Zeit und Geld hatte in Hitzeschutzkonzepte zu investieren, steht heute deutlich besser da. Gleichzeitig gibt es mittlerweile viel mehr Wissen und Unterstützung für alle, die sich auf Hitze vorbereiten wollen. Medien, Organisationen und Fachleute stellen hilfreiche Informationen bereit und machen die vielfältigen Auswirkungen von Hitze sichtbarer als noch vor wenigen Jahren.
Im Juli habe ich in einem Webinar besprochen, was jede einzelne Person tun kann, um den eigenen Wohnraum kühler zu halten. Wir haben das Webinar aufgezeichnet und ein sehr hilfreiches Handout dazu erstellt. Sobald beides online verfügbar ist, erfahrt ihr es hier im Newsletter.
Außerdem habe ich mit verschiedenen Medien über die vielfältigen gesundheitlichen
Auswirkungen von Hitze gesprochen, darunter die taz, die Vogue und der Tagesspiegel.

Hoffnung für die Welt

Zum Hitzeaktionstag am 11. Juni hat die WHO in Berlin ihren überarbeiteten Leitfaden für Hitzeschutz vorgestellt, das erste Update der ursprünglichen Fassung von 2008. Was mir daran besonders gefällt: die neue Version legt einen deutlich stärkeren Fokus darauf, wie sich Maßnahmen tatsächlich in der Praxis umsetzen lassen. Acht Kernelemente zeigen konkret auf, wer im Hitzeschutz an welcher Stelle ansetzen kann.
Dieses Update war überfällig und kommt genau zur richtigen Zeit. Denn hier wird
wissenschaftlich fundiert dargelegt, wie sich Länder und Kommunen auf Hitze wirklich
vorbereiten sollten.
Ein bisschen stolz macht mich, dass ich zur neuen Version des Leitfadens beitragen durfte. Ich habe Feedback zu den Steckbriefen für verschiedene medizinische Berufsgruppen gegeben, und dabei insbesondere darauf geachtet, an welcher Stelle Ärzt*innen, Pflegekräfte und weitere Gesundheitsberufe im Hitzeschutz am meisten bewirken können. Für mich ist genau das die Stärke solcher Leitlinien: sie bleiben nicht abstrakt, sondern sagen konkret, wer was tun kann.

Digitale Tools für die Zukunft

Ein nützliches neues Angebot kommt diesmal vom Robert Koch-Institut. Das Dashboard zur Notaufnahmesurveillance zeigt tagesaktuell, wie viele hitzebedingte Fälle in deutschen Notaufnahmen behandelt werden. Dadurch lassen sich die Auswirkungen von Hitzewellen konkret auf die Gesundheitsversorgung erstmals nahezu in Echtzeit nachvollziehen. Für Kliniken, Kommunen und alle, die im Hitzeschutz arbeiten, ist das ein wertvolles Instrument, um Belastungen frühzeitig zu erkennen und gezielt zu reagieren.

Diese Technologie wird uns retten

Heute geht es nicht um eine einzelne Technologie, sondern um eine ganze Branche. Am 22. April wurde in Berlin der Bundesverband Klimaanpassungswirtschaft (BVKAW) gegründet – und ich bin als Gründungsmitglied dabei! Klimaanpassung ist längst zu einem eigenen Wirtschaftszweig geworden. Unternehmen unterstützen Kommunen, Firmen und soziale Einrichtungen mit Produkten und Dienstleistungen dabei, sich auf Hitze, Starkregen und Dürre vorzubereiten. Trotzdem blieb diese Branche bisher weitgehend unsichtbar und ohne gemeinsame Stimme. Genau das möchten wir ändern. Der Verband soll die Klimaanpassungswirtschaft stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken, den Austausch mit Politik und Verwaltung fördern und dazu beitragen, verlässliche Qualitätsstandards zu etablieren. Denn wenn wir Hitzewellen und Starkregen ernst nehmen, brauchen wir auch die Unternehmen, die dafür praktische Lösungen entwickeln und umsetzen.

Wer soll das bezahlen?

Es geschehen offenbar noch Zeichen und Wunder. Während die Bundesregierung zu
Hitzekrise weiterhin bemerkenswert schweigt, scheint das Förderprogramm AnpaSo doch eine Zukunft zu haben. Für das kommende Jahr ist sogar eine Aufstockung der Mittel im Gespräch.
Weniger erfreulich ist, dass das Geld dafür wohl aus dem Klima- und Transformationsfonds und nicht aus dem regulären Bundeshaushalt kommen soll.
Endgültig entschieden ist das noch nicht. Die entsprechenden Beschlüsse stehen erst im
Herbst an. Dieser taz-Recherche zufolge stehen die Chancen derzeit jedoch gut.

Klimaanpassung aus der Hölle

Die Fußballweltmeisterschaft der Männer ist inzwischen vorbei. Sie hat für mich jedoch ein eindrucksvolles Beispiel dafür geliefert, wie leicht Klimaanpassung zur Inszenierung werden kann. Trinkpausen im Fußball sind grundsätzlich eine gute Sache. Bei großer Hitze können Spieler*innen ihren Flüssigkeitshaushalt auffüllen und sich kurz abkühlen. Statt die Pausen an den tatsächlichen Wetterbedingungen auszurichten, führte die FIFA jedoch verpflichtende Hydration Breaks für Spiele ein. Das schuf zusätzliche Werbefläche, sorgte aber auch dafür, dass Partien selbst bei 19 °C und Dauerregen unterbrochen wurden. Genau solche Maßnahmen führten echte Klimaanpassung ad absurdum.

Gleichzeitig rückte ein weiteres Risiko in den Blick, das weit über fragwürdige Trinkpausen hinausgeht: Vor dem Finale bestand zeitweise die reale Gefahr, dass starke Rauchbelastung durch die kanadischen Waldbrände die Luftqualität verschlechtert und die Sicht einschränkt.
Aus den USA kamen deswegen sogar Drohungen mit Strafzöllen gegen Kanada, falls die
Brände nicht eingedämmt würden. Zur Freude der FIFA (und Trumps) kam dann aber der
Regen: Am Tag vor dem Finale entspannte sich die Lage, und die Bilder eines scheinbar
normalen Turniers blieben erhalten.

Dr. Andrea Nakoinz