Für alle, die sich wie ich beruflich mit Klimaanpassung beschäftigen, hat spätestens im April eine entscheidende Phase begonnen: die Vorbereitung auf die heißen Sommermonate. Das Thema Hitze bekommt wieder mehr Aufmerksamkeit, neue Publikationen dazu erscheinen und mein Arbeitskalender füllt sich spürbar.
In den vergangenen beiden Ausgaben dieses Newsletters habe ich über den Iran geschrieben. Der aktuelle Krieg hat Auswirkungen auf uns alle. Am meisten leidet jedoch die Zivilbevölkerung vor Ort, die sich kaum selbst schützen kann. Es zeigt sich ein Muster, das sich auch in anderen Krisen beobachten lässt: Diejenigen mit den geringsten Schutzmöglichkeiten sind am stärksten betroffen – wenn auch unter anderen Bedingungen, etwa bei Extremwetterereignissen.
Mit meiner Arbeit möchte ich dazu beitragen, dass ein gutes Leben für alle möglich ist. Dazu gehört für mich auch, die Wechselwirkungen globaler Krisen im Blick zu behalten. Deshalb gibt es auch in diesem Monat eine Sonderfolge meines Podcasts Temperatur & Taktik.
Gerade jetzt im Frühjahr ist für mich eine besonders spannende Phase, weil vieles, woran ich lange gearbeitet habe, jetzt endlich Form annimmt und sichtbar wird. Entsprechend freue ich mich, heute einige Ergebnisse meiner Arbeit dir zu teilen. Im Fokus stehen Sportvereine, Veranstaltungen und soziale Einrichtungen – Orte, an denen Menschen den Auswirkungen der Klimakrise besonders ausgesetzt sind und an denen Anpassungsmaßnahmen so dringend notwendig sind.
Der Kampf um die Zukunft ist ein Marathon. Um mit voller Energie dabei zu bleiben, versuche ich auch Dienstreisen mit Erholungsmomenten zu füllen. So wie hier auf dem Foto am Bodensee, nach meiner Keynote beim Forum Holzbau in Friedrichshafen, zu sehen ist.
Viel Spaß beim Lesen wünscht
Deine Andrea
Temperatur & Taktik – der Podcast
Stadionflut und Hitzewelle / Wie sich Werder Bremen auf den Klimawandel vorbereitet / Klimaanpassung im Sport
Was passiert, wenn Sturmfluten häufiger werden und dein Stadion mitten im Überflutungsgebiet liegt? Zu Gast in meinem Podcast ist Sandra Broschat, die den Bereich Nachhaltigkeit beim SV Werder Bremen leitet. Mit ihr sprechen ich darüber, wie ein Bundesligaverein mit den Folgen des Klimawandels umgeht, warum 67 Prozent der Sportler*innen bereits hitzebedingte Gesundheitsprobleme hatten und welche praktischen Maßnahmen Werder schon heute umsetzt. Reinhören lohnt sich , denn Klimaanpassung im Sport ist längst kein Nischenthema mehr.
Iran-Konflikt & Ölpreiskrise 2026: Was bedeutet der Nahostkrieg für unsere Energieversorgung?
„Unsere Gasversorgung ist sicher, außer es passiert ein Freak-Event“, sagte Marco Wünsch, der sich bei der Prognos AG mit der Zukunft des Energieversorgungssystems beschäftigt, in unserer ersten Sonderfolge im Februar. Inzwischen ist die Straße von Hormus geschlossen – und das ist so ein solches Event. Also haben Marco und ich uns nochmal zusammengesetzt und einer zweiten Sonderfolge diskutiert, was der Irankrieg für unsere Energieversorgung bedeutet, welche Auswirkungen wir in Deutschland erwarten können und was jede*r von uns jetzt tun kann.
Hoffnung für Deutschland?
Hast du schon einmal versucht, eine Klimarisikoanalyse zu erstellen? Hiermit sind oft ganze Teams für mehrere Wochen oder gar Monate beschäftigt. Das Problem: Viele Einrichtungen und Organisationen können sich das nicht leisten. Insbesondere dann nicht, wenn nach der Klimarisikoanalyse auch noch die Planung und Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen erfolgen soll.
Im Auftrag des Paritätischen Gesamtverbandes habe ich die „Orientierungshilfe Klimarisikoanalyse für soziale Einrichtungen“ erarbeitet. Sie zeigt wie man das eigene Klimarisiko praxisnah und pragmatisch einschätzen und für die Planung von Klimaanpassungsmaßnahmen nutzen kann. Die Handreichung enthält zahlreiche Tipps, die auch anderen Einrichtungen helfen können. Ich freue mich sehr über Rückmeldungen und Erfahrungsberichte aus der Praxis.
Ebenfalls frisch erschienen ist das Spotlight „Klimaangepasste Kulturveranstaltungen“. Hierin beleuchtet das Netzwerk Klimaanpassung & Unternehmen.NRW, wie Events – von Stadtfesten über Konzerte bis hin zu Festivals – mit Extremwetter umgehen können und welche Anpassungsmaßnahmen bereits heute funktionieren. Ich habe an der Publikation mitgewirkt und bin begeistert, dass das Thema auf diese Weise sichtbar wird. Denn ich bin überzeugt: Veranstaltungen sind nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern auch Orte der Begegnung und damit wichtig für gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Demokratie.
Hoffnung für die Welt?
Ich finde, Spanien macht gerade vieles richtig. Angesichts des internationalen Drucks, die Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen, hat Ministerpräsident Pedro Sánchez angekündigt, dass rund 17 Prozent der zusätzlichen Verteidigungsausgaben in den Schutz vor Naturkatastrophen und Klimafolgen zu investieren. Das entspricht 1,75 Milliarden Euro für Rettungshubschrauber, Löschflugzeuge und Ausbau des Katastrophenschutzes. Nach den verheerenden Überschwemmungen in Valencia 2024 und den immer heftigeren Waldbränden im Sommer ist das ein starkes politisches Signal. Spanien ist damit das erste europäische Land, das einen so substanziellen Teil seiner Verteidigungsausgaben gezielt für Klimaresilienz nutzt. Ein Ansatz, der in anderen Ländern Schule machen sollte. Mehr dazu findest du auf der Website der spanischen Regierung.
Digitale Tools für die Zukunft
Eine App, die ich seit Jahren nutze, ist KatRetter. Sie alarmiert registrierte Ersthelfer*innen in der unmittelbaren Nähe bei medizinischen Notfällen wie Herz-Kreislauf-Stillstand – oft noch bevor der Rettungsdienst eintrifft. Das Prinzip ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Wer in der Nähe ist und helfen kann, wird sofort benachrichtigt. Die Nutzung ist kostenlos, der Einsatz freiwillig. Ich habe auf diese Weise tatsächlich schon Leben gerettet und kann die App sehr empfehlen.
Diese Technologie wird uns retten
Nicht immer ist Hightech die Antwort auf zunehmende Hitze. Ein spannender Ansatz sind Moosfassaden: Sie können ein Vielfaches ihres Eigengewichts an Wasser speichern und dieses durch Verdunstung wieder abgeben – und so ihre Umgebung ganz ohne Strom kühlen. Inzwischen wird daran geforscht, die Pflanzen auf textilen Substraten direkt an Hauswänden wachsen zu lassen. So lassen sich Stadtbegrünung, ein besseres Mikroklima und Regenwasserspeicherung miteinander verbinden. Auch freistehende Mooswände kommen bereits zum Einsatz, etwa in Innenstädten als Luftfilter und Kühlelemente. Für mich besonders überzeugend: Grüne Wände schützen vor Hitze und wirken sich zugleich positiv auf die psychische Gesundheit aus.
Wer soll das bezahlen?
Scheinbar nicht die Bundesregierung. Während Spanien Milliarden für Klimaresilienz mobilisiert, wurde bei uns in Deutschland die Förderung für Klimaanpassungsmaßnahmen in sozialen Einrichtungen, wie Pflegeheimen und Kitas gestrichen. Damit fallen ausgerechnet jene Einrichtungen aus der Förderung, die besonders vulnerable Menschen betreuen und die oft weder die personellen noch die finanziellen Mittel haben, sich aus eigener Kraft anzupassen. Aus meiner Sicht ist das kurzsichtig: eine politische Entscheidung, deren Kosten die Menschen tragen werden, die am stärksten gefährdet sind. Mehr dazu gibt es in der taz.
Klimaanpassung aus der Hölle
Ein aktueller Artikel in Nature Communications zeigt, was wir eigentlich schon längst vermutet haben: Der weltweit zunehmende Einsatz von Klimaanlagen treibt die globale Erwärmung weiter an. Klassische Klimaanlagen verbrauchen viel Strom, heizen ihre Umgebung zusätzlich auf und benötigen klimaschädliche Kältemittel. Der weltweite Energiebedarf für Kühlung könnte sich bis zur Mitte des Jahrhunderts verdreifachen – mit entsprechenden Folgen für das Klima. Allein durch den Einsatz von Klimaanlagen könnte die globale Temperatur bis 2050 um weitere 0,05°C steigen. Das Dilemma ist offensichtlich: Wir brauchen Kühlung, um Menschen zu schützen. Doch in ihrer heutigen Form betreiben, trägt sie selber zur Verschärfung der Krise bei.
